Texte

Himmel und Erde

Gerhard van der Grinten

Galerie Dorn Stuttgart/2001

Und die Götter stehen staunend dabei und erkennen, wie weit schöner die Venus von Melaos ist, als es ihre eigne Eva war.“ James McNeill Wistler

Klaus Fabricius nimmt die Schärfe beim Wort, im Scharfblick, im Biss, zu weilen in gerechtem Zorn. Und schweigt nicht still zur Welt und ihren Wechselspielen, entlarvt, hintersinnig, manches goldene Kalb als anfällig für gewitzte Anschläge. Ähnlich, wie es schon DAda und Pop-Art in der Verbindung von scheint’s Unpassendem taten, dem Banalen unvermuteten Mehrwert und Nahrhaftigkeit verliehen, den Ikonen der Gesellschaft, des Establishments und, den Philistern den Nimbus nahmen. Er bedient sich des Arsenals der Bilder und der elektronischen Medien gleichermaßen und siehe da, die Zwitterwesen, die Chimären, die er da entstehen lässt, sind ausgesprochen lebensfähig, oftmals heiter, manche lyrisch, und nicht selten bitterböser Kommentar. Da ist Marilyn von hinten und Catholic Girls von vorn, Ingres Quelle, ihr Teich ein Leuchtbild, angemalt. Blumen, photographiert, deren Dolden sich plastisch als papierene komplettieren. Anderen wächst messerscharfes Geblätter aus dem Rachen. Eine blankgeputzte Kohlenschaufel präsentiert das Höllenfeuer das allerdings elektronisch leuchtet, flackert im elektronischem Wind. Und ein Ventilator lässt im Raum die Sehnsucht wehen. Reaktionen per Bewegungsmelder und auf Knopfdruck, manche treffen den Betrachter, ohne dass er auf die Auslösung Einfluß hätte. Per Multiplex läßt sich eine Deutschlandbild aus Einmachgläsern destillieren, sorgsam ausgewählte Tonkonserven. Und das Brandenburgertor wird breit, nicht stark. Goldene Reliquienkästchen sind ebenso Bestandteil und Erinnerung unserer kollektiven Gedächnisse, doch hier Dow Jones, rücken sie durchaus in lästerliche Nähe und öffnen die Augen für den Sinn hinter dem Sinn. Eines sieht zurück, ein flimmernder Kunstblick und der verdeutlicht besser als jede Erklärung, was so virtuos aus dem Bekannten Unverhofftes macht: die Fähigkeit der Kunst-Kraft ihres Seins und ihrer Selbst uns einen völlig neuen Blick zu implantieren. 

...jeder Text, so auch dieser...

Nikolai B. Forstbauer

Galerie im Kornhaus/Ulm 1996

Jeder Text, so auch dieser, setzt ein sich nur scheinbar frei ergebendes, tatsächlich aber weitestgehend vorbestimmtes, am zu behandelnden Gegenstand oder an den zu besprechenden beziehungsweise anzusprechenden Personen orientiertes Vokabular voraus. Gemeinhin erschließt sich dieses dem Leser  im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Text - und weit schneller als der Autor dies je zugeben würde, wird der Text nach eben diesem Vokabular und nach eben solchen Rastern beurteilt. Ich möchte lieber gleich meine Karten auf den Tisch legen oder besser: mein Vokabular bekannt geben. Natürlich nicht ohne zu behaupten, diese Vorgehensweise hätte grundsätzlich und unmißverständlich mit den Arbeiten  Klaus Fabricius zu tun. Was nichts anderes bedeuten kann, als daß schon die Wahl des Vokabulars eine Positionsbestimmung - und damit eine Behauptung ist.Das Vokabular: Abstand - Analyse – Archiv - Begriff - Behauptung - Beteiligte – Faktensicherung - Faktor - Feld der Kunst – Film – Freunde – Gestik – Grund - Information - Kategorie – Kommentar - Kopie – Konkret – Konstanten – konstituieren – konstruieren - konstruktiv – Kontext – künstlerische Äußerung – künstlerische Handlung - Landschaft – Material – Muster - Ordnung - Orte - Ort der Kunst – Präsentation – Präzisierung – Produktion - Prozeß – Rahmen - Rasterstruktur – Reflexion - Regelhaftigkeit - Schnitt - Skepsis - Stilleben – Struktur – Stücke - Systematik – Träger.Kunsthistoriker und Kunstpublikum sind sich zumeist darin einig, daß die in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, etwa von Wilhelm Raabe, beschriebene ”Zerscherbung” der Welt in der Bildenden Kunst am deutlichsten spürbar war. Und welche Position jeweils auch vertreten wird, gehen wir doch davon aus, daß sich die Reflexion des Zerscherbens fortsetzt und gerade dies es so schwierig macht, die stets ersehnten Konstanten für künstlerische Äußerungen  zu benennen. Das Zerscherben aber hat sozusagen Konkurrenz aus dem eigenen Lager bekommen - nach den schwelgerischen Szenarien des 19. Jahrhunderts hat ja in unseren Tagen auch eine viel ältere Übereinkunft wieder an Gewicht gewonnen, das nämlich Kunstwerke Informationsträger träger sind. Die Hoffnung, die damit verbunden ist, ist Strukturen zu schaffen, die es erlauben, etwas vermeintlich Verlorenes wieder oder neu konstruieren, beziehungsweise konstituieren zu können: Ordnung.Klaus Fabricius zeigt Arbeiten, die auf Bildertradition und der Tradition ihrer angeblichen Zerstörung sich berufen. Fabricius, 1956 geboren, ist es nicht genug mit der Problematik einer Malerei nach der Malerei oder mit dem Dialog von Figur und Grund. Einst zum Glas- und Porzellanmaler ausgebildet bezieht er überdies dem Plastischen vorbehaltene Materialien, vor allem einen als der Abdichtung dienender Spritzschaum, in die Bildentwicklung ein. Die Arbeiten von Fabricius geben freimütig zu, singuläre Findungen zu sein, sie versuchen gar nicht erst, zu verbergen, da sie eine konstruierte Aktionsfläche bespielen, sich in diese eingraben, sie zerritzen, verwerfen.

 

Die Anschauung des Ungreifbaren

Martin C. Schmid/1998

Jean-Christophe Ammann bezeichnet den Menschen als Zeitbinder. In Kunstwerken wird Zeit abgespeichert und im Museum als kollektives Gedächtnis bereitgehalten. Eine zeitliche Dimension läßt sich auch an Arbeiten von Klaus Fabricius zeigen, im besonderen an einem Bildzeichen, ein leicht anschwellendes, spitzwinkliges Dreieck mit schräger Basis, das in Bildern auftritt, die den Titel ‘Kathedrale’ tragen. Die Kathedrale verweist auf vergangene Zeiten, die aber nicht als sentimentale Erinnerung aufgenommen werden, sondern die in ihrer aktuellen Wirksamkeit überprüft werden. Verschiedene Vorstellungen und Auslegungen lagern sich im Laufe der Zeit an die Kathedrale an, die im Bildzeichen konzentriert und präsent gemacht werden. Durch diese Überladung mit Deutungsmöglichkeiten entzieht sich die Kathedrale einer Festlegung. Die Beziehung zwischen dem Bildzeichen der Kathedrale und der Vielzahl von Bedeutungen, die die Kathedrale mit sich bringt, läßt sich nicht einmal mehr als eine mehrdeutige bestimmen. Vielmehr steht die Kathedrale für die Idee der Wandelbarkeit von Erkenntnissen und der Auflösung einer letztgültigen Beurteilung.        

In einer älteren Arbeit von Klaus Fabricius erscheint eine Kathedrale als zentrales Element der linken Bildhälfte. Ihr wird eine aus vielen Kleinformen erzeugte unruhige Fläche gegenübergestellt. Erkennt man die spitzen Einzelformen der rechten Bildhälfte als Flammen, die übrigens ebenfalls häufiger in den Bildern von Klaus Fabricius, auch in Kombination mit Kathedralen, vorkommen, dann liegt eine den Kathedralen entsprechende Deutung nahe. Denn auch Flammen entziehen sich sowohl in stofflicher, als auch in funktioneller Hinsicht einem Zugriff. Als Bildzeichen jedoch verweisen die Flammen auf die Aufhebung des Festgelegten.

 Trotzdem thematisiert wird, wie sich Vorstellungen und Erkenntnisse einer Festlegung entziehen, ist gerade dies im Bild festgelegt. Im Bild wird der Schwebezustand des nicht klärbaren Rests sichtbar. So erscheint das Bild aus der Ferne betrachtet als ein Allgemeingültigkeit beanspruchendes Zeichen für eine bestimmte Vorstellung, das den Künstler als Produzenten eliminiert. Geht man jedoch näher an das Bild heran, zeigen sich Spuren der Herstellung: Pinselspuren, Korrekturen und Abkratzungen. Das Bild gibt sich als etwas Gemachtes zu erkennen. Der absolute Anspruch der Fernsicht wird zurückgenommen.

 So verweisen gerade auch die Machart und die Materialwahl auf die Relativierung des vermeintlich Festgelegten. Die aus Walzblei geschnittenen Flammenzungen erhalten im Bild eine gewisse Wandelbarkeit. Durch die Beleuchtung verändert sich im Licht-und-Schattenspiel die Wirkung der Flächenstruktur. Einen anderen Aspekt von Wandelbarkeit hat der auf der linken Bildhälfte eingesetzte Polyurethanschaum. Dieser zeigt sich nicht nur in der leichten Auswölbung der Papierdecke, die dem Druck der dahinterliegenden Schaumschicht nachgibt, sondern vor allem in der aus der Bildfläche herausquellenden Kathedrale. Der Polyurethanschaum, der zwar gezielt eingesetzt wird, drückt immer wieder über seine Grenzen hinaus. Die Eigendynamik des Schäumens muß ständig gebändigt und eingedämmt werden. Erst nach einiger Zeit entsteht mit der Erstarrung des Schaums, der dann nur noch leicht nachgearbeitet wird, ein Bildzeichen, das die Vorstellung von einem unkalkulierbaren Rest, von gedanklich nicht vollständig Faßbarem in sich birgt. 

Die Annäherung an das Thema des Nicht-Festlegbaren, wenn auch aus einer anderen Richtung, zeigt sich auch in Klaus Fabricius’ Photo- und Materialmontagen. Während ein aus der Geschichte entwickeltes Bildzeichen die Kathedralbilder dominiert, werden bei den montierten Bildern Fundstücke verwendet: Holzbrettchen, Eisenbleche oder Roststücke werden mit auf Klarsichtfolie kopierten Bildern in Verbindung gebracht. Sowohl die Materialien als auch die kopierten Bilder, die zumeist aus photographischen Abbildungen hervorgehen, bringen eine ihnen jeweils eigene Geschichte mit. Die Materialien zeigen Gebrauchs- und Verfallsspuren, die Photographien verweisen auf die im Moment der Aufnahme so existierende wirkliche Welt. Diese Authentizität wird jedoch aufgebrochen. Die kopierten Bilder sind durch eine starke Rasterung, durch Unschärfen und durch ihre Ausschnitthaftigkeit verfremdet. Sie geben sich als Bild von einem bereits existierenden Bild zu erkennen. Und sie werden in neue Zusammenhänge einmontiert. So werden die gefundenen Bilder von ihrer eigenen Geschichte befreit und in eine Neutralität entlassen, die es ermöglicht, die Bilder mit neuen Geschichten anzufüllen. Die Photographie als Abbild der Realität entzieht sich ihrer Festlegung.

Während in den Kathedralbildern geschichtliche Anlagerungen in einem abstrakten Bildzeichen konzentriert werden, gehen die Fundstück-Montagen den umgekehrten Weg: konkrete Bilder entledigen sich ihrer ursprünglichen Bedeutung. Beide Ausdrucksmittel führen zu einer Befreiung des Bildes, die es schafft, den Betrachter über seine bestehenden Vorstellungen hinausblicken zu lassen.

Klaus Fabricius’ Bilder entstehen aus dem Anschauen, ohne auf vorangehende, sprachlich formulierte Konzepte zurückzugreifen. Nichtsdestotrotz werden seine Bilder von einer grundsätzlichen Idee, der Fragwürdigkeit der Kenntnis von Welt und deren letztlicher Ungreifbarkeit, getragen.

 

 

 Staunen über die Welt 

Dr. Markus Döbele/1994

Der erste Blick auf die Malerei Fabricius zeigt unorthodoxe Materialien: Oft sieht man Papier oder Folie auf durch Ritzen quellenden PU-; Schaum (ein Spritzschaum, der zur Abdichtung auf Baustellen verwendet wird) gepresst oder Gips mit starken erdkrustenartig- en Brüchen. Manchmal werden Kopien in die Bildkomposition einbezogen. Das Resultat sind reliefartige, stark malerische Bilder. Besonders der PU-Schaum unter der zäh welligen Papierschicht erlaubt Fabricius ein Arbeiten in die Tiefe des Malgrundes so entstehen Krater, Schnitte und Spalten. Neben der Farbe setzt Fabricius transparente Folien und Kopien, besonders vergrößerte Kopien, als Mittel ein, um den malerischen Eindruck zu steigern. Die Kopien reduzieren zum einen die Darstellung auf Schwarz und Weiß und zum anderen wird die Darstellung besonders bei den Vergrößerungen immer undeutlicher. Ähnlich verhält es sich mit den verschleiernden, transparenten Folien. Manchmal verschleiert Fabricius auch Photos mit einer Art unreinem Kunstharz, das die Darstellung in der Tiefe des Materials nur noch mystisch erahnen läßt.Die Bilderwelt Fabricius wird hauptsächlich durch zwei Motive bestimmt: Kathedrale und Wolkenkratzer. Das Bild "Platz der Kathedralen" zeigt, Das Kathedrale und Wolkenkratzer für dasselbe Phänomen stehen, das Fabricius "Kathedrale" nennt.Denn dieser Begriff wird im Bildtitel im Plural verwendet, auch während auf dem Bild nur "eine" stilisierte, einem Bischofshut ähnelnde, Kathedrale zu erkennen ist. Auf demselben Werk sind eine Gruppe von Kuben dargestellt, die einer Gruppe von Wolkenkratzern ähneln. Versteht man diese ebenfalls als "Kathedralen", wird der Plural im Bildtitel verständlich. Es scheint, daß diese, in den Bildern Fabricius immer wiederkehrende Zeichen, ein Phänomen visualisieren, das die Gedankenwelt des Künstlers ’’  permanent umtreibt, das sich in den ’ Bildern nicht erkennen aber erahnen läßt. Ohne interpretierend  mich zu sehr festzulegen, möchte ich dieses Phänomen "die funktioniert; funktionierende Masse" nennen. Viele glauben darin das Drama unserer modernen Welt widergespiegelt zu sehen. Fabricius aber scheint es als ein : archaisches Phänomen zu begreifen, denn er stellt seine "Kathedralen" auf einen krustigen Boden, der wie eine leuchtende "Erdscholle" aussieht. Auf das geheimnisvoll archaische deuten auch die drei Gebilde, die Baukränen ähneln. Gleichzeitig können sie auch als Kreuze gesehen werden. Dann verwandelt sich die profan empfundene Erd- Scholle plötzlich zum Kalvarienberg. Es scheint unwichtig, ob ein sakrales oder profanes, ein modernes oder altes, ein spezielles oder allgemeines Phänomen thematisiert wird. Klaus Fabricius’ Staunen über die Welt, das er in seinen Bildern ausdrückt geht über diese Kategorien hinaus.

 

 

Ausstellungsliste

2017 Neue Webseite fabiart.de
          "Mitten im Leben - Morgen ist heute", Ausstellung Michas Lädle, Stuttgart

2016 "Das Wohin und Wozu", Schaufenster Michas Lädle, Stuttgart

2013 Dialog - Trialog #2, Museum Biedermann, Donaueschingen 

2009 "Prolog im stumpfen Frühling", Zero Arts, Stuttgart

2008 "Keine Schonzeit", Galerie Werkstatthaus, Stuttgart

2006  "Andere benutzen ein Feuerzeug, aber es geht auch anders" , Städtische Galerie Herrenberg 

2005 One Artist Show, Art Karlsruhe, Galerie Dorn

2003 "Diesseits und jenseits des Mittelstreifens", mit Daniel Wagenblast, Skulpturen
          und Art Alarm, dem Stuttgarter Galerien-Wochenende, Galerie Dorn, Stuttgart 

2002 Reihe 22, Galerie des VBKW, Stuttgart
          Licht - Farbe - Raum - Klang, Galerie Dorn, Stuttgart

2001 "Himmel und Erde", Galerie Dorn, Stuttgart
          Karambolage, Kunsttempel Kassel und Kasseler Museumsnacht

2000 Kleinskulpturen Biennale, Galerie Dorn, Stuttgart

1999 Boris Lurie, Initiativausstellung KF, Galerie Dorn, Stuttgart
          art_act 1, Ausstellung im privaten Wohnraum 'Wohlfart und Wolf', Stuttgart

1998 Sammlung Prof. G. Wirth, Kreissparkasse Nürtingen

1998 Sammlung LBS, Stuttgart

1998 Kleinskulpturen Biennale, Galerie Dorn, Stuttgart

1998 Galerie am Pfleghof, Tübingen

1997 "Würgemale der Romatik", Atelierausstellung, Stuttgart

1996 Galerie im Kornhaus, Ulm

1995 Galerie Katharinenstrasse 17, Stuttgart

1994 Haus der Kunst, München

1994 Galerie Duppel, Stuttgart

1992 art cologne, Galerie Döbele, Köln

1988 Pfalzgalerie, Kaiserslautern

1987 Bleyle-Bau, Akademie Stuttgart

1987 Galerie in der Fabrik, Nürtingen

1986 Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main

Der imaginäre Ort

Klaus Mombrei/1998


Auf dem Weg zu Kultur und Zivilisation ist der größte Gewinn des Menschen, das Feuer gebändigt zu haben, die alles verzehrende, dämonische Kraft. Herd, das ist domestiziertes Feuer. Wärme, stetig, ohne Verbrennung fürchten zu müssen. Energie ist nicht mehr zufällig. Aber nie verliert der Mensch die Angst vor der Macht des Feuers. Es bleibt ihm immer Gott des Lebens und Dämon der Zerstörung. Das Feuer symbolisiert wie kein anderes Symbol die Dialektik des Seins. Der Herd, um die Flammen im Zaum zu halten. Um sie herum wuchsen die Städte. Selbst wieder Herd für eine Vielfalt an Ideen und Impulsen aber auch Krankheiten und Zerstörung. Das Feuer der Stadt lodert. Die Stadt als Sammelpunkt für die Pioniere des ausgehenden zweiten Jahrtausend. In der Stadt ist Stillstand gleich Tod. Wie ein Feuer Holz, Papier, Gas, Dung etc. verbraucht, um Energie abzugeben, so frisst die Stadt die Ideen, die Arbeit, die Emotionen derer, die sich um ihren Herd versammeln. Die Stadt, ein Herd, der die bestehenden Normen der Zivilisation ständig zersetzt, Gültiges verbrennt und damit stete Mahnung ist, daß alles fließt,nichts besteht und trügerisch bleibt. Die Kontrolle über die Macht des Feuers ist stets gefährdet. Denn kommt ein Wind daher und bläst in die begrenzte Glut, dann verbrennt die Stadt, die Welt und schließlich der Traum vom sozialen Menschen zu Asche. Der Titel Gadda-Da-Vida bezieht sich auf den Titel des Albums der Band Iron Butterfly: In A Gadda da Vida, von 1969. Frei übersetzt: In einem Garten des Lebens.


Diesseits und Jenseits des Mittelstreifens

Gerhard van der Grinten 

Galerie Dorn, Stuttgart, 2003

Die Pointen die Klaus Fabricius setzt schlagen mit aller Schärfe. Und auch seine Arbeiten bedienen sich sehr wohl des uns Vorbewußten, dessen, was Gedankengänge freisetzt. Merkwürdige und ungewohnte Zwitterwesen zwischen Plastik, Malerei, Environment, Maschine.Er nutzt das Arsenal der technizistischen Möglichkeiten; Bewegungsmelder, die unverhofft den Betrieb eines Werkes einschalten, sobald man ihm zu nahe kommt; durchaus nicht behaglich, wenn plötzlich das Bild auf den Betrachter reagiert; Photoprints, Segmente von scharfzüngigem Metall, das Flackern von Glühbirnen, die ihrerseits Kerzenflammen imitieren sollen und flugs den Biedermeier in Brand setzen. Es ist das konsequent durchgehaltene Prinzip der Collage und Assemblage von Titel, Materialien, Ladungen, Befindlichkeiten, die sie nicht nur auslösen, sondern provozieren. Ein Drehkasperle, der mit unangenehm militärischen Gehabe einmal die Runde grüßt und kräftig die Haken schlägt, ein Pflasterstein im Cafehausbild, "Freiheit, die ich meine": eine 9mm-Knarre ergänzt das zeigerblinde Blatt der Uhr. Dinge, banal für sich, die in der Kombination erst Schärfe gewinnen und unbarmherzig freisetzen. Und weit über das Naheliegende hinaus sind diese Kommentare zur Welt und zum Weltgeschehen stets ein weniges um die Ecke zu denken: "TV-Krebs", was die Schöne da bedroht ist eine Krabbe auf Video. Aus Ingres "Quelle", dem aktuellen Ideal nach gelängt, quillt Draht statt Wasserstrahlen in eine Fläche, die ein blau eingefärbter Miniaturfernseher erhellt. Klangdosen, eine ganz neue Art der Konser-venhaltung. Und immer wieder geraten technische Gerätschaften zum Teil einer Mal- oder Photofläche, fügen sich bei allem Anderssein wie selbstverständlich ein, selbst wenn sie aus der Rundung eines Balles ragen. Muten fast wie Reliquienschreine an. Andere sind Ikonen der ganz anderen Art, wie die Serie gemarterter Frauen, die einem näher gehen, als jene frühen Agnes, Magdalene, Ursula. Dies scheut sich nicht, Geschichten zu erzählen, andere zu zitieren,adaptieren, umzuwandeln: Wanderung in Bildern, in den fremden, zu den eigenen.

Was verbirgt sich hinter den schwarzen Türen? 

Museum/Art Plus/2014/Pressetext

Wie aus einem Dialog ein Trialog wird: Ein spannendes Konzept des Künstlerbundes Baden-Württemberg trägt Früchte // Zur aktuellen Ausstellung im Museum Biedermann Donaueschingen. Jeder will einzigartig sein. Vor allem Künstler möchten und sollten ihre unverkennbare Handschrift herausarbeiten. Doch der Künstlerbund Baden-Württemberg hat ein ungewöhnliches Ausstellungskonzept ausprobiert: nicht das einzelne Mitglied steht im Vordergrund, sondern kleine Gruppen von Künstlern erarbeiten gemeinsam eine Position. Im bereits zu Ende gegangenen ersten Teil der Ausstellung „Dialog-Trialog“ hat je ein Künstlerbundmitglied einen Gast eingeladen und mit ihm zusammen eine künstlerische Position gezeigt. Jetzt im zweiten Teil der Ausstellung ist aus dem Dialog ein Trialog geworden. Die insgesamt 21 Künstlerpaare haben jeweils einen weiteren Ausstellungsgast hinzugebeten, während das Künstlerbundmitglied zurückgetreten ist und stattdessen nun als Kurator wirkte. Wie sieht das konkret aus? Was verbirgt sich beispielsweise hinter den schwarzen Türen? Philipp Morlock, einer der ersten Künstlergäste im Teil eins der Ausstellung, hat Türen schwarz lackiert und daraus eine rechtwinklige, zweigeschossige Türenwand gebaut. Massiv, groß und ein wenig abweisend versperrt sie dem Betrachter die Sicht auf das, was sich dahinter befindet. Durch diese Türen kommt man nicht hindurch. Ästhetisch aber zugleich ziemlich bedrohlich glänzt der schwarze Monolith im Raum. Im ersten Teil der Ausstellung hat Friedemann Flöther - Künstlerbundmitglied und somit Gastgeber dieses Künstlerpaares - eine Rakete dahinter positioniert, die man jedoch nur gesehen hat, wenn man das Rechteck umrundet hatte. Auch Flöther arbeitet mit Kontrasten: seine Rakete ist mit einer zartrosafarbenen Mustertapete beklebt, die im Widerspruch zu der Form des Flugkörpers steht, mit dem die Menschen auf dem Mond gelandet sind, ihre Träume verwirklichen und hoch hinaus wollten. Zum aktuell im Museum Biedermann zu sehenden Trialog haben die beiden Künstler Klaus Fabricius eingeladen, dem das Konzept auf Anhieb gefiel: „Das ist enorm spannend, ich wollte auf die Türenwinkel reagieren und nach Ortsbesichtigung und Bedenkzeit habe ich elektrisiert mit gemacht. Ich habe den Beiden gesagt, dass ich mir etwas einfallen, aber nicht gerne reinreden lasse. Für die Beiden war es volles Risiko“, erinnert sich Fabricius. Flöther hat also seine Tapetenrakete abgebaut und den Platz an seinen Kollegen abgetreten.

„Ich bin mit meiner Holzkonstruktion und Baustellenplane ebenfalls die vier Meter hoch gegangen, die Morlocks Kunstinstallation vorgab, um damit Gemeinschaft zu signalisieren. Mit den Schraubzwingen kralle ich mich an seiner Kunst fest“, erklärt Fabricius. Der aus Paderborn stammende und in Stuttgart lebende Künstler hat eine Art „Selbstporträt“ entworfen, eine Innenraumsituation, die jede Menge Entdeckungsmöglichkeiten bietet. Drinnen steht ein Tisch, allerdings auf wackeligem Grund: je eines der Tischbeine steht entweder auf Tellern, einem unbehauenen Stein, einem Papierblock und einem Sack. Das Zentrum, der Versammlungsort ist in Schieflage geraten. Darauf ein Steinkreis, mit Steinen die Fabricius am Bodensee fand und deren Maserung eine Linie bilden. Eine Bibel mit eingeklemmter Krähenflügelschwinge, ein kleiner Fernseher mit goldener Mattscheibe: lauter merkwürdige, absurde Details drapiert dieser Bildhauer hier in seine 3D Collage. „Erst am Ausstellungsort hat sich das Werk zu einem Gesamtbild gefügt. Ich kam mit der Idee und dem Material ins Museum und während des Bauens und Stellens, habe ich entschieden was wirklich geht und passt. Es war ein kreativer Prozess, bei dem sich vor Ort eine begehbare Skulptur herausgebildet hat“ erklärt Fabricius.

Eine Radierung hängt an einer Wand, auf einem Balken liegt ein angebissener goldener Apfel, ein Hörl-Hase hockt in der Ecke, gegenüber lehnt eine Axt. Und draußen vor der Tür befindet sich ein kleines, aus Briketts und goldener Erbse zusammen gefegtes Universum. „Ich wollte Erinnerungen wachrufen, inspirieren. Die Installation kann wie ein Bild gelesen werden, das Stimmungen erzeugt, die wir spontan annehmen oder ablehnen können, die aber berühren“, beschreibt Fabricius. Flöther und Morlock sind ohne Vorbehalte zufrieden mit dem Ergebnis. Während der Dialog die Welt der Kontraste thematisierte, wird beim Trialog aus den Teilen ein wundersames Ganzes, das seine Geheimnisse bewahrt. Und wer einen Blick hinter die schwarzen Türen wagt, wird mit vielen Geschichten belohnt